Fast 360 Jahre sind eine lange Zeit. Nur wenige Bauwerke in unserer Region haben einen solchen Zeitraum unbeschadet überstanden. Deshalb ist es für die Gemeinde Bassenheim und die vielen Besucher ein besonderer Glücksfall, dass die Marienkapelle auf dem Karmelenberg heute noch in ihrer Bausubstanz weitgehend so steht, wie sie im Jahre 1662 erbaut wurde. Natürlich nagte auch an diesem Kirchlein der Zahn der Zeit, doch die in der Hauptsache durch Witterungseinflüsse und nicht durchgeführte notwendige Reparaturen entstandenen Schäden waren überschaubar und konnten durch aufwendige Restaurierungsarbeiten besonders in den Jahren 1993-1998 beseitigt werden.

So zeigt sich die Marienkapelle heute in einem für ihr Alter guten Zustand und erfreut sich immerwährender und zunehmender Beliebtheit bei vielen Wanderern, Spaziergängern und Menschen, die hier einen stillen Ort zum Gebet und zur Meditation finden.

Der Erwerb der Kapelle durch die Gemeinde Bassenheim im Jahr 1992 und die dann folgende Instandsetzung durch den Förderverein waren die wohl wichtigsten Ereignisse seit der Erbauung. Doch kann man sich auf den mühsam und mit enormen finanziellen Anstrengungen erworbenen Lorbeeren nicht ausruhen. Laufende Arbeiten an und in der Kapelle, an den sieben Fußfällen und dem Umfeld sind im ganzen Jahr über notwendig und erfordern das Engagement des Fördervereins. Spenden und die Beiträge von etwa 230 Mitgliedern bilden die Grundlage zur Erhaltung der Marienkapelle.

Möge das Interesse an dem sakralen Gebäude auch künftig nicht nachlassen, damit es noch viele hundert Jahre auf dem Karmelenberg die uns folgenden Generationen auf vielfältige Weise erfreuen kann.

 

Wer waren die Erbauer der Marienkapelle auf dem Karmelenberg?

Bis zum Jahre 1852 gehörte Bassenheim mit all seinen Besitztümern der 972 erstmals erwähnten Familie Walpot, wobei der Namenzusatz von Bassenheim erst seit 1307 geführt und überliefert ist.

Im 17. Jahrhundert bringen die Waldbotts bedeutende Persönlichkeiten hervor: Damian von Bassenheim, seinen Sohn Johann Lothar, den Erbauer der Marienkapelle, und dessen Sohn Kasimir, den späteren Domherrn und Mainzer Chorbischof.

Johann Lothar, ein Vetter des Trierer Kurfürsten von der Leyen, hat nach dem Tod seiner ersten Frau Johanna Walburga 1652 Anna Magdalena Gräfin von Metternich-Winneburg-Beilstein geheiratet. Anna Magdalenas Bruder Karl Heinrich wurde 1678 Erzbischof von Trier. Die 1629 zu Reichsgrafen beförderten Metternichs stammten vom Niederrhein und hatten 1644 einen alten Adelshof am heutigen Münzplatz in Koblenz gekauft. So konnte am 15. Mai 1773 Koblenz der Geburtsort des großen Staatsmannes Fürst Clemens Wenzeslaus von Metternich werden.

Wer sich mit dem Leben des Erbauers der Marienkapelle, Johann Lothar von Bassenheim, seiner beiden Frauen und ihrer Zeitgenossen beschäftigt, muss den Eindruck haben, dass die Menschen in einer Welt kleiner Streitigkeiten und großen Friedens lebten. Das war aber nicht so. Das 17. Jahrhundert war die schlimmste Zeit der letzten 2.000 Jahre. Im Dreißigjährigen Krieg ist Deutschland in brutaler Weise in Stadt und Land zerstört worden. Häuser wurden sinnlos niedergebrannt, Äcker verwüstet, Bauern erschlagen, Saatgut als Futter für die Pferde geraubt, die Hälfte der Bevölkerung wurde ausgerottet – oder fiel der grassierenden Pest zum Opfer. Aus Aufzeichnungen ist bekannt, dass es 1634 bis 1636 Überfälle und sinnlose Zerstörungen auch in Bassenheim gegeben hat.

Dass im durch Kriege, Pest und Hexenwahn aus den Fugen geratene 17. Jahrhundert auf dem Karmelenberg eine weit ins Land sichtbare Marienkapelle gebaut werden sollte, war nicht nur Dank für die glückliche Geburt eines Kindes, sondern auch eine Demonstration für die Marienverehrung und galt als Lichtblick in eine bessere Zukunft. Der Reichsfreiherr Johann Lothar hat den Bau der Kapelle 1662 noch erleben dürfen, aber nicht die offizielle Einweihung 1688: Er ist am 21. Februar 1667 verstorben, während seine zweite Frau und Miterbauerin Anna Magdalena erst am 19.1.1693 verstarb und somit Zeit genug hatte, uns in ihrem „wahrhaftigen Bericht“ mitzuteilen, wie es zum Bau der Marienkapelle gekommen ist.

 

Das Gnadenbild

Eine ca. 18 cm hohe Statuette stellt Maria mit dem Kinde dar und bildet den Hintergrund für die Erbauung des kleinen Waldkirchleins als „Marienkapelle“.

Die Erbauung der Kapelle ist auf eine Stiftung des Reichsfreiherrn Johann Lothar Waldbott von Bassenheim (1615-1665) und seiner zweiten Ehefrau Anna Magdalena  zurückzuführen. Mit dieser Stiftung wurde die tiefe Dankbarkeit des Paares für zwei erfreuliche Ereignisse ausgedrückt:

Zum einen über die Genesung des Freiherrn von einer schweren Krankheit, und zum anderen über die glückliche Geburt der Tochter Maria Anthonet (1659-1727). Beides schrieben die Eheleute dem Muttergottesbild zu, das sich seit einiger Zeit in ihrem Besitz befand.

Die ehemalige Französischlehrerin Anna Magdalenas, die Nonne Catharina Ginth von der Congregation de Notre Dame aus Luxemburg, brachte die aus Ton gefertigte  Statuette nach Bassenheim, wo sie zunächst im Schloss aufbewahrt wurde. Erst später, wahrscheinlich ab 1693, fand sie ihren Platz in der Marienkapelle.

Das Original befindet sich heute leider nicht mehr in der Kapelle, sondern wird als Privatbesitz in der Burg aufbewahrt.

 

Baumeister und Architektur der Marienkapelle

Um der von dem Erbauerehepaar verehrten wundertätigen Mariendarstellung (Statuette) eine würdige und angemessene Heimstatt zu geben, wurde die Marienkapelle auf dem Karmelenberg in Bassenheim nach dem Vorbild großer Wallfahrtskirchen gebaut.

Der mit dem Bau beauftragte Kapuziner-Ordensbaumeister Matthias von Saarburg plante in dem zu seiner Zeit beliebten „italienischen Barockstil“, wobei er trotz bescheidener Ausmaße durch den Einsatz zurückhaltender äußerer Schmuckelemente und durch architektonische Effekte dem Gebäude Kirchencharakter verlieh. Den besonderen baulichen Reiz erreichte er durch das Hineinkomponieren kapuzinischer Elemente.

So zeigt die Eingangsfassade Teile klassisch kapuzinischen Baustils, wobei lediglich das Portalwappen die sonst übliche Nischenfigur ersetzt. Den aufgeschulterten Giebel, dessen Spitze in einem Kubus endet, findet man auch in der noch erhaltenen Fassade der Kapuzinerkirche in Koblenz-Ehrenbreitstein.

So wie das sakrale Gebäude sich heute darstellt, überbietet es in Größe und Ausstattung viele als Kapelle bezeichneten Betstätten weit über unsere Region hinaus. Die Bezeichnung der Marienkapelle als Waldkirchlein ist in der einschlägigen Literatur häufig zu finden. Dies deutet auch darauf hin, dass in früheren Zeiten die Nutzung eher einer kleinen Kirche als einer Kapelle entsprach.

Allein die Höhe von 17,31 m bis zur Turmbedachung sowie die Grundfläche von ungefähr 130 qm zeigen, welch kirchenähnliche Ausmaße das Gebäude, weit abgelegen auf dem bewaldeten Berggipfel, einnimmt. Der eingezogene Chor erreicht mit lichten Maßen von  10 x 7 m beeindruckende Dimensionen.

Aus der „Trierischen Chronik VIII“ von 1823:
„Matthias von Saarburg, Kapuziner, † in Mainz am 19. März 1681, ein hervorragender Baumeister, als welcher er von Fürsten und Adel vielfach verwendet wurde. In Mainz wurde ein Theil der kurfürstlichen Residenz unter seiner Leitung aufgeführt, zu Aschaffenburg das gräflich Schönborn’sche Haus, in Franken der Sternbergische Palast. In seinem Orden bekleidete er die Functionen eines Guardian und Provincial.“


180 Jahre lang war die im Jahre 1718 im bescheideneren Barockstil erbaute Pfarrkirche religiöser Mittelpunkt für die Bassenheimer Bevölkerung. 1898 wurde sie abgerissen und an gleicher Stelle die heutige neoromanische Martinskirche errichtet.
Erbaut wurde die Barockkirche von Casimir Ferdinand Adolf Waldbott von Bassenheim, einem Sohn des Erbauers der Marienkapelle, Lothar Waldbott von Bassenheim.

 

Ca. 20 Familien lebten um 1662 im landwirtschaftlich geprägten Bassenheim, allesamt abhängig von der gräflichen Besitzerfamilie Waldbott von Bassenheim. Die Bauweise der recht einfachen Wohnhäuser war mit dem feudalen (teuren), barocken Baustil nicht vergleichbar und entsprach dem Lebensmöglichkeiten der Bevölkerung.

 


D
ie Erimiten in der Marienkapelle

Einsiedler (mit Kapelle und Einsiedelei im Hintergrund) nach einem Holzschnitt von Wolf Traut, 1513.

Die im 3. Jahrhundert lebenden „Wüstenväter“ gelten als die ersten Einsiedler (Eremiten). Als „Nachfolger Christi“ suchten sie Zuflucht in der Einsamkeit der Wüsten Palästinas (auch auf dem Berg Karmel), Ägyptens und Syriens. Sie lebten in Armut und Bescheidenheit. Ihr Alltag und ihr Leben wurde bestimmt durch beten, meditieren und büßen. Aus der gesuchten Nähe zu Gott wurden jegliche Ablenkungen von diesem asketischen Dasein ferngehalten. Als ursprüngliche christliche Lebensform wurde das Eremitentum bis ins 15. Jahrhundert praktiziert. Eremiten waren bei der Bevölkerung hoch angesehen.

Die Eremiten in der Marienkapelle auf dem Karmelenberg hatten mit dieser ursprünglichen Form der Einsiedelei nicht mehr viel gemeinsam. Ihre eigentliche Aufgabe bestand in der Unterhaltung der Marienkapelle und der Vorbereitung kirchlicher Aktivitäten in der Kapelle. Den Lebensunterhalt mussten sie durch sogenanntes „terminieren“ (sammeln) von Lebensmitteln in den von Kirchenseite dafür festgelegten 20 umliegenden Ortschaften bestreiten. Bis zu zwei Eremiten bewohnten die recht bescheiden ausgestattete Wohnung über dem Hauptaltar im oberen Stockwerk der Marienkapelle.

Als letzter Einsiedler auf dem Karmelenberg gilt Nicolaus Hölzer, der am Neujahrstag 1826 im Alter von 74 Jahren auf heimtückische Weise ermordet wurde.

 

…wird fortgesetzt mit den Heiligenfiguren in der Kapelle!